20 Millionen Euro frisches Kapital, deutlich reduzierte Schuldenstruktur und Lock-up-Vereinbarung bis Ende April 2026. Die LR Health & Beauty SE mit Sitz in Ahlen hat nach monatelangen Verhandlungen eine Einigung mit ihren Anleihegläubigern und der Aktionärin Evoco über eine umfassende Restrukturierung ihrer Kapitalstruktur erzielt. Die am 11. Februar 2026 per Ad-hoc-Mitteilung veröffentlichte Vereinbarung sieht eine Gesamtkapitalzuführung von 20 Millionen Euro, eine erhebliche Reduktion der Schuldenstruktur sowie eine neue Anleihenarchitektur mit mehreren Tranchen vor. Damit wendet das Unternehmen zunächst ein Insolvenzliquidationsszenario ab, das den Anleihegläubigern laut früherer Unternehmenskommunikation lediglich eine Rückzahlungsquote von rund 6 Prozent in Aussicht gestellt hätte.
Vom Covenant-Bruch zur Einigung
Die Krise der LR Health & Beauty SE wurde erstmals im Sommer 2025 öffentlich sichtbar. Am 28. August 2025 gab das Unternehmen per Ad-hoc-Mitteilung bekannt, dass ein möglicher Verstoß gegen den Leverage Covenant der Anleihe 2024/2028 (ISIN: NO0013149658) zum Stichtag 30. September 2025 drohe. Der Covenant verpflichtet die Gesellschaft, ein Verhältnis der Nettoverschuldung zum EBITDA von maximal 4,50:1 einzuhalten. Der Vorstand kündigte Gespräche mit den Anleihegläubigern an und passte gleichzeitig die EBITDA-Prognose für das laufende Geschäftsjahr nach unten an.
20. Oktober 2025: Covenant-Verletzung und Zinsstundung
Am 20. Oktober 2025 stellte der Vorstand offiziell die Verletzung des Leverage Covenant fest. Gleichzeitig beschloss das Unternehmen, die am 30. November 2025 fälligen Zinszahlungen im Rahmen der Anleihe zu stunden. Die Gesellschaft begründete diesen Schritt damit, das operative Geschäft priorisieren zu wollen. Zur Stabilisierung der Situation wurden Gespräche mit einer Ad-hoc-Gruppe von Anleihegläubigern aufgenommen, mit dem Ziel, eine Stillhalteverpflichtung abzuschließen. Diese sollte vorsehen, dass die Gläubiger aus dem Covenant-Verstoß und der Nichtzahlung von Zinsen einstweilen keine Rechte herleiten. Weiterhin beauftragte der Vorstand ein renommiertes Unternehmen mit der Erstellung eines Restrukturierungsgutachtens, um geeignete Maßnahmen zur nachhaltigen Verbesserung der Kapital- und Finanzierungsstruktur zu identifizieren.
25. November 2025: Unterstützende Stimmabsichten der Gläubiger
Am 25. November 2025 teilte die Gesellschaft mit, dass Anleihegläubiger, die rund 69,57 Prozent des angepassten Nennbetrags der Anleihe vertreten, ihre Absicht bekundet hatten, für die vorübergehenden Verzichtserklärungen zu stimmen. Diese betrafen die Stundung der Zinszahlungen sowie die Nichteinhaltung des Maintenance Tests einschließlich des Leverage Covenants für einen Zeitraum bis einschließlich 28. Februar 2026. Das schriftliche Verfahren (Written Procedure) war zuvor am 14. November 2025 eingeleitet worden und erforderte ein Quorum von mindestens 50 Prozent des angepassten Nennbetrags sowie eine Abstimmungsmehrheit von mindestens 66,67 Prozent. Die Abstimmungsfrist endete am 28. November 2025. Das Verfahren wurde nach Unternehmensangaben erfolgreich abgeschlossen.
23. Januar 2026: Vorläufiges Ergebnis und Restrukturierungsplan
Mit der Ad-hoc-Mitteilung vom 23. Januar 2026 legte der Vorstand vorläufige Zahlen für das Geschäftsjahr 2025 vor: Das EBITDA wird auf rund 16 Millionen Euro geschätzt und liegt damit deutlich unter der zuvor kommunizierten Bandbreite von 17,0 bis 20,0 Millionen Euro. Der Umsatz (Warenerlöse) wird bei etwa 277 Millionen Euro erwartet, was am unteren Ende des ursprünglichen Korridors von 276 bis 281 Millionen Euro liegt.
Gleichzeitig kündigte die Gesellschaft an, dass EY-Parthenon die Finalisierung eines Entwurfs des IDW-S6-Restrukturierungsgutachtens angekündigt habe. Das Gutachten prognostiziert für das Geschäftsjahr 2028 im sogenannten Sensitivity Case ein EBITDA von 27,3 Millionen Euro bei einem Umsatz von 281,5 Millionen Euro, im Management Case ein EBITDA von 31,4 Millionen Euro bei einem Umsatz von 284,7 Millionen Euro. Die Gesellschaft stellte erstmals konkrete Restrukturierungsmaßnahmen in Aussicht: eine Eigenkapitaleinlage des Aktionärs in Höhe von 10 Millionen Euro, einen Schuldenschnitt von 55 Prozent des Nominalbetrags der Anleihe, eine Laufzeitverlängerung bis Ende 2029, Zinsstundungen bis einschließlich Mai 2027 sowie Cash-Sweep-Mechanismen und einen Besserungsschein für die Gläubiger.
Für den Fall eines Scheiterns der Restrukturierung bezifferte das Unternehmen die Insolvenzquote auf lediglich rund 6 Prozent – ein nahezu vollständiger Verlust für die Anleihegläubiger.
Die Einigung vom 11. Februar 2026 im Detail
Die am 11. Februar 2026 veröffentlichte Ad-hoc-Mitteilung markiert den vorläufigen Abschluss der mehrmonatigen Verhandlungen. Die Gesellschaft hat eine Einigung mit Anleihegläubigern erzielt, die mehr als zwei Drittel des Nennwerts der ausstehenden Anleihe 2024/2028 vertreten, sowie mit der Aktionärin Evoco.
Kapitalzuführung: 20 Millionen Euro frisches Geld
Die Restrukturierung sieht eine Gesamtkapitalzuführung von 20 Millionen Euro vor. Diese setzt sich aus zwei Bausteinen zusammen: Zum einen leistet die Aktionärin Evoco eine Kapitaleinlage in Höhe von 10 Millionen Euro. Damit signalisiert Evoco nach Darstellung der Gesellschaft ein fortgesetztes Engagement und Vertrauen in das Unternehmen. Zum anderen werden 10 Millionen Euro über sogenannte New Money Senior Bonds bereitgestellt, die von den Anleihegläubigern in bar gezeichnet werden müssen. Die Emission dieser neuen Anleihe wird allen bestehenden Anleihegläubigern anteilig (pro rata) angeboten und von bestimmten wesentlichen Anleihegläubigern vollständig abgesichert.
Neue Schuldenarchitektur: Drei Tranchen plus Junior-Anleihe
Das Herzstück der Einigung ist eine gänzlich neu strukturierte Schuldenarchitektur. Die bisherige Anleihe 2024/2028 wird in mehrere Instrumente aufgespalten. Im vorrangig besicherten Bereich (Senior Secured Debt) entstehen insgesamt Verbindlichkeiten in Höhe von 62,5 Millionen Euro, die sich auf drei gleichrangige Tranchen verteilen und einheitlich mit einem festen Zinssatz von 6,75 Prozent per annum verzinst werden.
Übersicht der vorrangig besicherten Tranchen
Tranche | Volumen | Merkmale |
New Money Senior Bonds | 10,0 Mio. € | Barzeichnung durch Anleihegläubiger (pro rata), vollständig abgesichert durch wesentliche Gläubiger; 6,75 % p. a. fest |
Reinstated Elevated Bonds | 20,0 Mio. € | Anteilige Zuteilung an Gläubiger, die sich an New Money Senior Bonds beteiligen; 6,75 % p. a. fest |
Reinstated Bonds | 32,5 Mio. € | Anteilige Zuteilung an alle bestehenden Anleihegläubiger; 6,75 % p. a. fest |
Junior Bonds (nachrangig) | 27,5 Mio. € | Unbesichert, alle bestehenden Gläubiger; PIK-Zinsen 6 % bis 10 % p. a. (linear steigend); Fälligkeit 2031 |
Ergänzend wird eine unbesicherte nachrangige Junior-Anleihe (Junior Bonds) in Höhe von 27,5 Millionen Euro begeben. Diese wird anteilig an alle bestehenden Anleihegläubiger zugeteilt und verfügt über eine lineare Steigerung der PIK-Zinsen (Payment-in-Kind) von 6 Prozent per annum im ersten Jahr auf 10 Prozent per annum im fünften Jahr. Die Fälligkeit der Junior-Bonds liegt im Jahr 2031.
Der Teil des Nennbetrags der bisherigen Anleihe – einschließlich der darunter aufgelaufenen Zinsen –, der nicht in die drei vorrangigen Tranchen oder in die Junior Bonds umgewandelt wird, wird vollständig abgeschrieben. Für Anleihegläubiger, die sich zusätzlich an den New Money Senior Bonds beteiligen, ergibt sich durch die bevorzugte Zuteilung der Reinstated Elevated Bonds eine höhere Rückzahlungschance als für passive Gläubiger.
Lock-up-Vereinbarung und Umsetzungsfahrplan
Die erzielte Einigung ist in einer Lock-up-Vereinbarung zwischen der Gesellschaft, der Aktionärin Evoco und den zustimmenden Anleihegläubigern festgehalten. Die Parteien haben sich darin zur Umsetzung der umfassenden Restrukturierung verpflichtet. Während der Sperrfrist (Lock-up-Period), die am 30. April 2026 endet, haben die beteiligten Anleihegläubiger zugestimmt, die Anleihe nicht vorzeitig fällig zu stellen.
Die Umsetzung der Restrukturierung bedarf noch der formalen Zustimmung der Anleihegläubiger in einem oder mehreren schriftlichen Verfahren (Written Procedures) sowie der formalen Zustimmung des Aktionärs. Der gesamte Prozess soll bis zum Ende der Sperrfrist abgeschlossen sein.
Ursprünglicher Plan versus finale Einigung
Die finale Einigung weicht in mehreren Punkten von dem am 23. Januar 2026 skizzierten Restrukturierungsplan ab. Im Folgenden die wesentlichen Unterschiede:
Aspekt | Plan 23. Januar 2026 | Einigung 11. Februar 2026 |
Eigenkapitaleinlage | 10 Mio. € durch Aktionär | 10 Mio. € durch Aktionärin Evoco |
Frisches Fremdkapital | Nicht vorgesehen | 10 Mio. € New Money Senior Bonds |
Schuldenschnitt | 55 % pauschal auf Nominalbetrag | Abschreibung des nicht umgewandelten Teils; Aufteilung in Senior- und Junior-Tranchen |
Senior Secured Debt | 61,3 Mio. € (nach Haircut) | 62,5 Mio. € in drei Tranchen |
Nachrangige Anleihe | Nicht vorgesehen | 27,5 Mio. € Junior Bonds (PIK 6–10 %) |
Laufzeit | Verlängerung bis 31.12.2029 | Nicht explizit genannt; Junior Bonds bis 2031 |
Zinsen Senior | Nicht spezifiziert | 6,75 % p. a. fest |
Besserungsschein | Bis zu 74,9 Mio. € | Nicht explizit erwähnt |
Lock-up | Nicht vorgesehen | Bis 30. April 2026 |
Bemerkenswert ist insbesondere, dass der ursprünglich anvisierte Schuldenschnitt von 55 Prozent in der finalen Struktur nicht als pauschaler Haircut umgesetzt wird, sondern über die Aufteilung in verschiedene Tranchen mit unterschiedlicher Seniorität und Besicherung abgebildet wird. De facto wird ein Teil des Nominalbetrags zwar vollständig abgeschrieben, aber durch die Junior-Bonds und den gestaffelten PIK-Zins erhalten die Gläubiger eine zusätzliche Beteiligungsmöglichkeit am langfristigen Unternehmenserfolg. Der im Januar noch erwähnte Besserungsschein über bis zu 74,9 Millionen Euro findet sich in der Ad-hoc-Mitteilung vom 11. Februar nicht mehr explizit wieder.
Einordnung und Ausblick
Die Einigung markiert einen wichtigen Meilenstein in der Restrukturierung der LR Health & Beauty SE, ist aber noch nicht der endgültige Abschluss. Die Lock-up-Vereinbarung schafft Planungssicherheit bis Ende April 2026, bindet aber nur die Gläubiger, die der Vereinbarung beigetreten sind. Die formalen Written Procedures stehen noch aus und bedürfen der erforderlichen Mehrheiten.
Für das Unternehmen bedeutet die Einigung zunächst eine erhebliche Entlastung: Die Gesamtkapitalzuführung von 20 Millionen Euro stärkt die Liquidität, die Reduktion der vorrangig besicherten Verbindlichkeiten auf 62,5 Millionen Euro verbessert die Bilanzrelationen deutlich, und die Junior-Anleihe mit PIK-Verzinsung belastet den Cashflow in den kommenden Jahren nicht unmittelbar.
Für die Anleihegläubiger bleibt die Situation ambivalent. Zwar wurde ein Insolvenzliquidationsszenario mit einer Quote von nur 6 Prozent abgewendet, doch der Verlust an Nominalwert bleibt erheblich. Wer zusätzlich in die New Money Senior Bonds investiert, erhält über die Reinstated Elevated Bonds eine bevorzugte Position – ein Anreiz, der die Zeichnung des frischen Kapitals absichern soll.
Der einheitliche Zinssatz von 6,75 Prozent für die Senior-Tranchen liegt deutlich unter dem Niveau der ursprünglichen Anleihe und reflektiert die verbesserte Seniorität und Besicherung. Die PIK-Staffelung der Junior Bonds von 6 bis 10 Prozent bietet ein Upside-Potenzial, sofern das Unternehmen die im Restrukturierungsgutachten von EY-Parthenon projektierten Ergebnisverbesserungen tatsächlich realisiert.
Ob die Restrukturierung operativ tragfähig ist, wird sich erst in den kommenden Quartalen zeigen. Das IDW-S6-Gutachten sieht im Management-Case für 2028 ein EBITDA von 31,4 Millionen Euro vor – nahezu eine Verdopplung gegenüber dem vorläufigen Ergebnis für 2025. Ob das Direct-Selling-Modell in einem weiterhin herausfordernden Marktumfeld diese Dynamik entfalten kann, bleibt die zentrale offene Frage.
Chronologie der Ereignisse
- August 2025
Erste Ad-hoc-Mitteilung: Möglicher Verstoß gegen den Leverage Covenant zum 30. September 2025 angekündigt; Absicht, Gespräche mit Anleihegläubigern aufzunehmen; Anpassung der EBITDA-Prognose.
- Oktober 2025
Zweite Ad-hoc-Mitteilung: Verletzung des Leverage-Covenant offiziell festgestellt. Stundung der am 30. November fälligen Zinszahlung beschlossen. Aufnahme von Gesprächen mit Ad-hoc-Gläubigergruppe über Stillhalteverpflichtung. Beauftragung eines Restrukturierungsgutachtens.
- November 2025
Einleitung des Written Procedure für vorübergehende Verzichtserklärungen unter der Anleihe.
- November 2025
Ad-hoc-Mitteilung: 69,57 % des angepassten Nennbetrags signalisieren unterstützende Stimmabsichten für Verzichtserklärungen bis 28. Februar 2026.
- November 2025
Written Procedure erfolgreich abgeschlossen (Abstimmungsfrist abgelaufen).
- Januar 2026
Ad-hoc-Mitteilung: Vorläufiges EBITDA 2025 bei rund 16 Mio. Euro. EY-Parthenon finalisiert IDW-S6-Gutachten. Vorstellung konkreter Restrukturierungsmaßnahmen (Schuldenschnitt 55 %, Eigenkapitaleinlage 10 Mio. Euro). Warnung vor Insolvenzliquidation mit 6 % Quote bei Scheitern.
- Februar 2026
Ad-hoc-Mitteilung: Einigung mit Anleihegläubigern (über 2/3 des Nennwerts) und Aktionärin Evoco. Gesamtkapitalzuführung 20 Mio. Euro. Neue Schuldenarchitektur mit 62,5 Mio. Euro Senior Secured Debt und 27,5 Mio. Euro Junior Bonds. Lock-up-Vereinbarung bis 30. April 2026.






























